Die Steine des Geschichtenerzählers (Der Geschichtenerzähler) Von Leslie Slape

Es war einmal vor langer, langer Zeit, in den Zeit von Rittern und Burgfräulein, Burgen und Königen, Monstern, Drachen und magischen Ringen, da gab es jemanden der Jung und Alt davon erzählte.

Der Geschichtenerzähler reiste von Dorf zu Dorf mit seiner Ledertasche über der Schulter und erzählte Geschichten im Austausch für Essen und eine Unterkunft…und manchmal mit ein oder zwei neuen Geschichten wenn er wieder ging. Weil Geschichten müssen erzählt und geteilt werden, ansonsten zerfallen Sie in Staub.

In der Nacht, von der meine Geschichte erzählt, freuten sich die Menschen in jener Stadt über die Nachricht, dass ein Geschichtenerzähler kommen würde. Der Lehensherr hatte die Große Halle seiner Burg geöffnet und den Tag zu einem Festtag erklärt. Die Menschen kamen von Nah und Fern um zu Essen und zu Trinken und den Geschichten zu lauschen.

Unter den Zuhörern war ein junges Mädchen, ein Bauernmädchen, die für ihre kranke Schwester, die zu Hause im Bett lag, Essen in ihrer Schürze sammelte. Sie lebten alleine auf einem Bauernhof unweit der Stadt. Die Eltern waren schon vor einiger Zeit verstorben.

Als der Erzähler den Saal betrat, jubelten die Menschen und riefen: „Erzähl uns eine Geschichte! Erzähl uns eine Geschichte!“

Der alte Mann lächelte und legte seine Ledertasche auf einen Tisch. Er öffnete sie, und jene die am nächsten saßen, konnten sehen, dass die Tasche bis zum Rand mit glitzernden Steinen gefüllt war.

„Ich habe eine neue Geschichte für Euch vorbereitet“, sagt er, und nahm einen Stein aus der Tasche. Seine rechte Hand umschloss den Stein und er legt die Hand auf sein Herz, schloss die Augen und atmete tief und langsam ein. Dann öffnete er seine Augen.

Es war einmal vor langer, langer Zeit da lebte ein Vater mit seinen drei Söhnen…“, begann er und seine Hand verließ niemals sein Herz.

Die Zuhörer lehnten sich nach vorne und hielten den Atem an, um nur ja kein Wort zu verpassen. Es war eine Geschichte von einem spannenden Abenteuer, und als die Geschichte zu Ende war, jubelte die Menge. Der Erzähler nahm die Hand von seinem Herzen und legte den Stein zurück in die Tasche.

„Noch eine, noch eine“, riefen die Leute. „Eine lustige!“

„Hier ist eine die werdet ihr lieben“ sagte der Geschichtenerzähler und nahm einen kleinen roten Stein aus der Tasche. Er legte ihn auf sein Herz wie zuvor.

„Eines Tages im Wald traf ein Fuchs einen Bären….“

Schon bald krümmten sich die Zuhörer vor lauter Lachen. Als er fertig war riefen sie: „Noch eine, noch eine!“

„Hast du auch eine Liebesgeschichte?“ fragte ein junges Paar. „ Aber natürlich.“ Sagte der Geschichtenerzähler lächelte und zog einen silbernen Stein in Form einer Träne aus der Tasche.

„Vor langer, langer Zeit da lebten drei Schwestern…“

Während er diese Geschichte erzählte liefen den Zuhörern die Tränen über die Wangen, weil die Liebenden viele Prüfungen bestehen mussten, um ihre Liebe zueinander zu beweisen. Aber da war ein Zuhörer, dessen Augen nicht feucht wurden. Dieser Mann war ein Dieb, und er kam zu dem Fest nur wegen dem Essen, aber nicht wegen den Geschichten. Aber als er den Silberstein sah, wuchs sein Interesse am Erzähler.

Leicht, wie eine Schlange, schlüpfte er durch die Menge bis er neben dem Tisch, auf dem die Ledertasche lag, stand. Seine geschulten Augen betrachteten die Steine.

Das waren keine gewöhnlichen Steine.

Er würde einen Juwelier befragen müssen, aber er würde wetten, dass es sich um Halbedelsteine wie Opal, Jade, Bernstein und Lapislazuli handelt.

Er hatte nicht einmal bemerkt, dass der Erzähler seine Geschichte beendet hatte, als der alte Mann direkt vor den Augen des Diebs, denn Sibertropfen in die Tasche legte.

Er war aus purem Silber.

Ein Stein wie dieser würde einen guten Preis erzielen, dachte der Dieb, und wartete auf seine Chance. Und plötzlich war sie da.

„Meine Freunde, ich muss meinen Durst stillen, aber gleich werde ich zurückkehren“, sagte der Erzähler. Er ließ sein Tasche geöffnet auf dem Tisch stehen.

Der Dieb nahm den Silberstein und stecke ihn in seinen Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing. Dann blickte er sich um, und nahm eine Handvoll Steine aus der Tasche und verschwand in der Nacht.

Der Geschichtenerzähler kehrte zurück, mit einem eiskalten Getränke in seiner Hand, als er gerade noch sah, wie der Mann verschwand. Er kraulte seinen Bart und seufzte….

Bald schon war der Dieb beim Juwelier.

„Was gibst du mir für diesen Stein?“ fragte der Dieb und holte den Stein aus seinem Lederbeutel.

„Gar nichts“, sagte der Juwelier. „Solche Steine findest du überall am Wegesrand.“

„Was?!“ rief der Dieb. Er nahm den Stein und betrachtete ihn im Kerzenschein. Er hätte schwören können das der Stein aus Silber war, aber nun sah er aus wie ein gewöhnlicher Kieselstein.

Er nahm seinen Beutel und drehte ihn um, damit alle Steine auf den Tisch fielen. Aber alle Steine sahen aus wie gewöhnliche Kieselsteine.

„Ich verstehe das nicht!“ sagte der Dieb. „In der Hand des Geschichtenerzählers sahen die Steine ganz anders aus“.

„Ah, das meinst du also“, sagte der Juwelier. „Das sind Geschichtensteine. Die kann man nicht verkaufen. Hast du den Geschichten zugehört?“

Der Dieb schüttelte seinen Kopf.

„Ohne die Geschichten sind die Steine komplett wertlos“, sagte der Juwelier. „Geh nun, es ist spät und ich muss ins Bett.“

Währenddessen erzählte der Geschichtenerzähler in der Halle und seine Zuhörer bettelten um eine weitere Geschichte. „Was kann ich noch erzählen?“ Seine Augen wanderten durch den Raum, als er plötzlich das junge Bauernmädchen mit einer Schürze voll Essen sah. „Ich weiß welche Geschichte sie braucht“, sagte der Erzähler zu sich selbst. „Und hier ist der perfekte Stein…eine Seelenheil- Geschichte.“

„In einer bestimmten Zeit, an einem bestimmt Platz, da lebte ein junges Bauernmädchen…“begann er und seine Augen verließen niemals die Augen des Mädchens.

„Sie braucht diese Geschichte, sie braucht diese Geschichte mehr als ich sie brauche“, dachte er bei sich.

Als die Geschichte zu Ende war, kam das Mädchen durch die Menge und stand vor ihm.

Würdest Du mit mir nach Hause kommen und sie meiner Schwester erzählen?“ fragte das Mädchen.

Er sah sie für einen Moment an, nahm den Stein aus der Tasche und reichte ihn Ihr.

„Ich glaube es braucht Dich, um diese Geschichte zu erzählen, “ sagte er.

Das Mädchen lief nach Hause, mit ihrer Schürze voll Essen und den Stein fest umschlossen in ihrer Hand. Ihre Schwester lag fiebrig und schwach im Bett.

„Ich habe dir etwas wundervolles mitgebracht“, sagte das Mädchen und öffnete ihre Hand.

„Oh nein! Es war ein ganz gewöhnlicher Stein!“

Schnell schloss Sie ihre Hand um ihn zu verbergen! Sie platzierte ihre Hand auf ihrem Herzen und atmete tief ein.

Plötzlich wurde ihr Verstand von Bildern und Gefühlen überflutet…mit all dem das in der Geschichte vorkam!

„In einer bestimmten Zeit, an einem bestimmt Platz, da lebte ein junges Bauernmädchen…“

Sie stolperte über einige der Worte, aber die Bilder blieben, und sie fand neue Worte. Ihre Augen verließen dabei nie die ihrer Schwester.

Als Sie die Geschichte beendete strahlte das Gesicht ihrer Schwester. „Oh, was für eine wunderschöne Geschichte. Kannst Du sie mir noch einmal erzählen?“

„Aber natürlich.“ Das Mädchen legte den Stein wieder an ihr Herz, und wieder schwappten die Bilder über sie. Die Worte flossen diesmal leichter über ihre Lippen.

„Das ist bessere Nahrung als Essen“, sagte die Schwester. „Bitte noch einmal..?“

Die ganze Nacht erzählte das Mädchen die Geschichte wieder und wieder, und jedes Mal leichter und spannender. Als die Morgensonne durch das Fenster schien, schien sie auf zwei schlafende Mädchen.

Und in der Hand von einer lag ein hell leuchtender Stein, ein Stein aus Gold.

Aus dem Englischen übersetzt von Nikolas H.G. Haugeneder, Storyteller Wien, am 24.5.16

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